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Da geht noch ein bisschen Leben

Wie Du mit neuen Erfahrungen wieder mehr Lebendigkeit in Deinen Alltag bringst

Kennst Du diese Tage, an denen eigentlich alles okay ist, aber nichts so richtig Spaß macht? Du stehst auf, arbeitest, kaufst Brot und schaust abends eine Serie. Morgen vermutlich wieder. Irgendwann fällt Dir auf: Du weißt noch, was Du erledigt hast. Aber kaum, was Dich überrascht hat.

Vielleicht hättest Du gern wieder etwas, auf das Du Dich freust. Etwas lernen, das Dich interessiert. Mit jemandem lachen, bis der Tee kalt ist. Einfach mal neugierig sein, wie früher.

Du kannst damit klein anfangen. Hier erfährst Du, warum Dein Gehirn auch als Erwachsener Neues lernen kann und wie Du in Deinem Alltag wieder Platz dafür schaffst. Drei kleine Experimente helfen Dir herauszufinden, was Dich tatsächlich interessiert und was Du davon wiederholen möchtest.

Dein Gehirn kann mehr als Deine Routine

Wenn Du zum Beispiel ein neues Telefon hast, kennst Du das: Du suchst die Einstellungen, tippst daneben und fragst Dich, warum der Knopf jetzt woanders ist. Nach einiger Zeit findest Du ihn, ohne lange nachzudenken. Du hast etwas gelernt.

Beim Lernen verändert sich auch das Gehirn. Verbindungen zwischen Nervenzellen können sich verändern, und Netzwerke arbeiten anders zusammen. Diese Fähigkeit heißt Neuroplastizität. Auch im Erwachsenenalter bleibt sie erhalten.

Das lässt sich sogar bei Menschen beobachten, die eine neue Sprache lernen. Am Max-Planck-Institut in Leipzig untersuchten Forschende Erwachsene, die sechs Monate intensiv Deutsch lernten. Ein Team um Xuehu Wei sah in den Hirnscans, wie sich Verbindungen in den Sprachnetzwerken veränderten. Diese Veränderungen hingen mit den Fortschritten beim Lernen zusammen.

Die Menschen hatten über Monate gelernt. Genau für dieses intensive Lernen wurden die Veränderungen nachgewiesen. Das ist ziemlich ermutigend: Auch als Erwachsene können wir uns noch in eine neue Sprache hineinarbeiten.

Vielleicht hast Du seit Jahren Lust auf Italienisch. Oder auf Gitarre. Vielleicht möchtest Du endlich verstehen, was Du an Deiner Kamera einstellen kannst. Dein Gehirn kann sich auch jetzt noch auf solche Aufgaben einstellen.

Was Neues darf sich erst mal ungeschickt anfühlen

Beim ersten Tanzkurs bist Du mit Deinen Füßen beschäftigt. Beim Fotografieren vergisst Du, den Objektivdeckel abzunehmen. Beim Italienischlernen bestellst Du möglicherweise etwas, das Du gar nicht essen wolltest.

Das gehört zum Lernen. Du musst hinschauen, ausprobieren und noch mal versuchen. Genau diese Beschäftigung mit etwas Unbekanntem macht den Unterschied zur Tätigkeit, die Du längst im Schlaf kannst.

Im Synapse Project lernten Menschen zwischen 60 und 90 Jahren über mehrere Monate unter anderem digitale Fotografie oder Quilten. Sie verbrachten damit ungefähr 15 Stunden pro Woche. Anspruchsvolles neues Lernen verbesserte ihr Erinnern an Erlebnisse stärker als weniger fordernde Vergleichsaktivitäten; besonders deutlich war das beim Fotografieren.

Ein neues Hobby kann Dich also auch geistig fordern. Ob Du davon glücklicher wirst, hat diese Studie nicht beantwortet. Für die Entscheidung, was Du ausprobieren möchtest, ist deshalb eine andere Frage hilfreich: Worauf habe ich wirklich Lust?

Es muss kein beeindruckendes Hobby sein. Wenn Du gern Brot backen möchtest, fang mit Brot an. Du darfst Dich für etwas begeistern, das in keinem Lebenslauf vorkommt.

Geh raus, beweg Dich, nimm jemanden mit

Zum Lernen gehört auch, Deinem Körper etwas zuzutrauen. Geh zügig spazieren, tanze oder verabrede Dich zum Tischtennis. Such etwas, das Du gern wieder machen würdest.

Wie Bewegung mit dem Gehirn zusammenhängt, untersuchte ein Team um Kirk Erickson bei 120 älteren Erwachsenen. Ein Teil ging ein Jahr lang regelmäßig zum Ausdauertraining, der andere machte Dehn- und Kräftigungsübungen. In der Ausdauergruppe nahm das Volumen des vorderen Hippocampus zu, einer Region, die am Erinnern beteiligt ist. Die Veränderung hing mit Verbesserungen im räumlichen Gedächtnis zusammen.

Gemessen wurde das Volumen dieser Hirnregion. Ob dabei neue Nervenzellen entstanden oder die Teilnehmenden glücklicher wurden, lässt sich daraus nicht ablesen. Sichtbar wurde: Regelmäßiges Training kann auch die Struktur des Gehirns verändern.

Und wenn Du eine Freundin mitnimmst, kann aus dem Spaziergang etwas werden, auf das Ihr Euch beide freut. Du hörst eine Geschichte, fragst nach, erzählst etwas, das Du gestern noch für Dich behalten hast. Das Gespräch selbst kann schon ein guter Grund sein, die Schuhe anzuziehen.

Drei Experimente für mehr Neugier im Alltag

Nimm Dir eines davon vor. Du musst nicht gleich einen neuen Menschen aus Dir machen. Es geht darum, etwas zu finden, das Deinen Tag interessanter macht.

1. Probier fünf Minuten lang etwas aus, auf das Du Lust hast

Was wolltest Du schon länger versuchen? Zeichne die Tasse vor Dir. Lerne die ersten Worte eines italienischen Lieds. Fotografiere denselben Baum aus drei Perspektiven. Fang so klein an, dass Du heute tatsächlich loslegst.

Frag Dich danach: Was daran hat mich neugierig gemacht? Was würde ich gern noch können?

Wenn Du etwas findest, bleib ein paar Tage dabei. Wiederholung gehört zum Lernen. Die fünf Minuten machen den Anfang überschaubar. Du kannst auch länger ausprobieren, wenn Du gerade Spaß daran hast.

2. Mach aus „Heute ist alles grau“ eine konkrete Frage

Manchmal steht die schlechte Tagesbewertung schon fest, bevor Du gefrühstückt hast. Versuch dann einmal: „Was könnte mir heute zehn schöne Minuten bringen?“

Vielleicht ein Lied und ein bisschen Tanzen in der Küche. Vielleicht eine Nachricht an jemanden, mit dem Du gern redest. Vielleicht endlich die kleine Buchhandlung anschauen, an der Du immer vorbeiläufst.

Wähl eine Sache und mach sie. Danach kannst Du prüfen: Hat mir das gutgetan? Die Frage soll Dir helfen, eine Handlung zu finden. Du musst Dir Deinen Tag dafür nicht schönreden.

3. Hol Dir abends einen schönen Moment noch mal zurück

Schreib vor dem Schlafengehen auf: Wann war ich heute interessiert, berührt oder einfach gern da? Was genau war daran schön?

„Der Spaziergang“ ist ein Anfang. „Wir haben über unseren misslungenen Tanzkurs gelacht“ sagt Dir schon mehr. Überleg dann: Was davon könnte ich morgen wieder möglich machen?

Du sammelst damit Hinweise auf das, was Dir gefällt. Morgen kannst Du darauf zurückkommen, wenn Du überlegst, worauf Du Lust hast.

Was möchtest Du morgen wieder erleben?

Vielleicht ist es der Tanzkurs. Vielleicht möchtest Du das Lied endlich mitsingen können. Vielleicht hast Du beim Spazierengehen gemerkt, wie sehr Dir die Gespräche mit Deiner Freundin fehlen.

Fang dort an. Reservier Dir eine kleine Zeit dafür und schau, was daraus wird.

WEITERÜBEN

Was möchtest Du weiterlernen?

Wenn Du mehr darüber lernen möchtest, wie Erfahrung und Übung Dein Gehirn verändern, findest Du im LifeXLab-Kurs Neuroplastizität – Wie wir mit unserem Gehirn ein glücklicheres Leben gestalten einen passenden Anschluss. Auf der Themenseite Neuroplastizität kannst Du weiterlesen.

Zum Neuroplastizitätskurs

Wenn Dir über längere Zeit fast nichts Freude macht oder Du Dich stark belastet fühlst, sprich mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer psychotherapeutischen Fachperson. Kleine Alltagsexperimente ersetzen diese Unterstützung nicht.

Quellen

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